Stranges Gefühl: ein 6-0-Start, der trotzdem Fragen aufwirft

Stranges Gefühl: ein 6-0-Start, der trotzdem Fragen aufwirft
Copyright Brook-Ward

Wieder etwas verspätet, aber doch (und diesmal auch gleich mit dem erklärten Wunsch, diese Woche noch eine Vorschau – auf das Ravens-Spiel – draufzupacken, nachdem es sie letzte Woche nicht gab) komme ich dazu, das Titans-Spiel zu analysieren.

Die Steelers entkamen Nashville im Duell der Unbeaten-AFC-Teams mit einem 27:24-Win und stehen bei 6-0.

Fakt ist, dass man in Tennessee zwei unterschiedliche Hälften präsentiert bekam und die Steelers ein quasi gewonnenes Game (wieder einmal) fast aufgemacht und noch verschenkt hätten. Die Titans hatten so einiges Glück, das ihnen dabei half, ihr Comeback voranzutreiben. Aber die Frage muss sich dieses Steelers-Team stellen, warum man nach extrem souveränen Perioden innerhalb eines Games Gegner, die schwer im Hintertreffen sind, regelmäßig wieder so herankommen lässt.

Offense

Die Offense startete stark, markierte mit ihrem ersten Drive endlich mal wieder nach langer Zeit einen Touchdown (Diontae Johnson bei seinem Comeback mit dem Score) – und zog diese einwandfreie Leistung bis kurz vor dem Pausentee durch.

Die Wende hin zu einem sloppy Game, das Pittsburgh fast noch entglitten wäre, machte eine Szene, der zu dem Zeitpunkt keine große Aufmerksamkeit beizumessen war, die aber den Ton ein bisschen vorgab.

Die Steelers hatten nach einem 4th-Down-Fail der Titans mit dem letzten Abdruck vor der Pause die realistische Chance, noch ein Field Goal mitzunehmen – und standen auch schon in Field-Goal-Reichweite. Eine Strafe gegen T Chuks Okorafor hätte es mit noch 15 Sekunden zu gehen zwar zu einem 55-Yard-Try gemacht. Aber come on: 15 Sekunden sind zumindest zwei Plays vor dem Field Goal Attempt, wenn man davor über Catches an der Sideline (bei denen man dann out of bounds geht) noch Raumgewinn erzielt.

Ben Roethlisberger warf hingegen mit diesen 15 Sekunden auf der Uhr einen tiefen Pass in Double Coverage Richtung Endzone. Interception – Chance auf leicht stibitzte Punkte vor der Pause fahrlässig vergeben.

Roethlisberger sollte in einer von der Offense ganz schwach bestrittenen zweiten Hälfte zwei weitere Interceptions folgen lassen – eine davon nach einem langen Drive gegen Ende vom 4. Quarter, als die Steelers den Titans recht gut die Zeit runtergespielt hatten und ein Field Goal Tennessee ordentlich unter Druck gesetzt hätte (weil eine Sechs-Punkte-Führung da gewesen wäre).

Ich mag diese „Ich mach halt mal“-Mentalität bei Quarterbacks nicht, einfach careless in Double Coverage zu werfen und zu hoffen, dass der Receiver das Play macht. Ich weiß, dass Big Ben und Mike Tomlin so denken und sich mutig finden in ihrem Approach. Aber ich finde das nicht gut. Mit der Interception gegen Ende des 4. Viertels hat man die Titans eingeladen, auf einfache Weise das Spiel in die Overtime zu schicken. Und es war nur reinem Glück (bei einem verkickten Field Goal am Ende) geschuldet, dass es anders gekommen ist.

Defense

Für die Defense gilt Ähnliches wie für die Offense: großartig begonnen, den Titans über 30 Minuten die Schneid abgekauft – und dann völlig ohne Not den Faden verloren.

In der ersten Hälfte stand Bud Dupree mehrmals gefühlt gleich nach dem Snap neben Tennessee-QB Tannehill und konnte Druck auf den Passgeber ausüben, mit dem Tackle auf seiner Seite hatte er wenig Mühe.

TJ Watt stach bei zwei krachenden Tackles for Loss heraus – und die beiden sind trotzdem nur exemplarisch für eine Steelers-D zu nennen, die mit einem starken Gameplan ins Spiel kam, das richtige Mindset mitbrachte und auch vehement das umsetzte, was sie sich vorgenommen hatte.

Dass es für die finalen beiden Quarter dann dermaßen anders gekommen ist, lässt viele Steelers-Fans grübeln. Natürlich sind die Steelers nun 6-0, natürlich freut man sich sehr darüber und ist auch stolz. Und natürlich hat das Team in Nashville vieles richtig gemacht.

Aber warum kamen die Hausherren nach der Pause zu Chunk-Plays (etwa über Receiver AJ Brown), wenn das vor der Pause völlig unmöglich schien? Lässt die Konzentration bei den Steelers auf beiden Seiten des Balles nach bei komfortabler Führung? Wird man arrogant? Die finalen 30 Minuten in Tennessee haben – grade in Hinblick auf das schwere Ravens-Auswärts-Spiel – mehr Fragen als Antworten gebracht.

Sonstiges/Fazit

Zumindest die Special Teams waren in Nashville bestens aufgelegt. RayRay McCloud hätte sich bei einem schönen Punt-Return einen Score verdient, hätte er nicht gegen den letzten Tackler die falsche Richtung beim Antäuschen gewählt und sich tackeln lassen. Und Wieder-Zurück-Steeler P Jordan Berry puntete einfach besser als Vorgänger Dustin Colquitt, das muss man sagen.

Berry muss nur bitte so weitertun und seinen immer drohenden Lapsus in kritischen Situationen fortan bleibenlassen.

Kurz vor der Pause habe ich mir in meiner Mitschrift vom Spiel notiert: „Können diese Steelers in die Super Bowl gehen?“.

Ich war kurz davor, die Frage mit Ja zu beantwortet und befand mich in einem echten Hochgefühl, weil ich eine so konzentrierte und runde Leistung bei den Titans nicht erwartet hatte. Spielhälfte zwei brachte mich so stark ins Grübeln, dass ich jetzt wieder verunsichert dasitze, was die Aussichten auf das große Ziel anbetrifft.

Das ewige Sein als Steelers-Fan: verloren im Dreieck zwischen Freude, Zweifel und Enttäuschung … (Klingt ein bisschen sehr hart bei einem 6-0-Football-Team, aber Hochgefühl will sich keines einstellen.)

Positiv aufgefallen ist mir, wie leicht’s den Steelers aktuell auf der Position Receiver fällt, immer andere Köpfe ins Spotlight zu bringen. Waren es letzte Woche noch Chase Claypool und James Washington, die aufzeigten, konnten beide in diesem Game völlig untertauchen, weil eh Diontae Johnson und JuJu Smith-Schuster in die Bresche sprangen.

Schön zu sehen, wenn eine Position Group so stark und hochwertig (auch puncto Depth) auftrumpfen kann. Über 60 Minuten wird’s gegen die Ravens trotzdem eine reifere Leistung für einen Win brauchen, denk ich.

Schreibe einen Kommentar

*

code

Menü schließen