Ernüchternde Leistung als Weckruf für Trendumkehr

Ernüchternde Leistung als Weckruf für Trendumkehr
Copyright Brook-Ward

Aufgrund einer erschreckenden Leistung gegen ein Team ohne viel Klasse, das aber mit Herz und Glauben dagegengehalten hat, haben die Steelers zu Hause mit 17:23 gegen Washington verloren und ihre erste Season-Pleite verpasst bekommen.

Das Klagen “Ach, wir hatten so viele Verletzte oder Nicht-Spielberechtigte” lasse ich nicht gelten. Denn die Gäste aus der Hauptstadt haben während des Games genauso Starter auf ihrer Seite mit Verletzung verloren. Außerdem hat Pittsburgh trotz der Ausfälle ein ganz anderes Talent-Level als Washington, was sich hätte niederschlagen müssen.

Die kurze Regenerationszeit nach dem Baltimore-Skandal kann sicher ein wenig als “Grund” für die Niederlage ins Treffen geführt werden, zumal Washington fast eine Woche mehr Vorbereitung als die Gastgeber hatte.

Allerdings darf ich auch da hineingrätschen und relativieren: Die Steelers waren gestern kurz vor der Halbzeit mit 14:0 vorne und hätten gegen ein bis dahin heillos unterlegenes Team via eines smarten Gameplans einen zu dem Zeitpunkt locker greifbaren Sieg nur nach Hause spielen müssen.

Das ist allerdings nicht passiert. Verletzungen und ein gewisses Maß an Erschöpfung kamen sicher dazu, aber leider ist festzustellen, dass Pittsburgh in den finalen 30 Minuten jene Fehler beging, die in den Spielen davor schon immer wieder aufbrachen – und diesmal halt dafür bestraft wurde.

Defense nicht überragend, aber ihre Aufgaben erfüllend

Führt man sich vor Augen, von No-Names wie Logan Thomas, J.D. McKissic oder Cam Sims besiegt worden zu sein, lässt mich das als Fan zunächst schon sehr besorgt zurück. Washingtons Roster der Unbekannten jetzt aber als Fußabstreifer zu benutzen, wäre unfair gegenüber einem Team, das smart agiert, die Fehler der Steelers ausgenutzt und nicht unverdient gewonnen hat.

Weil ich die drei Passempfänger der Gäste nannte, legt das vielleicht den Schluss nahe, dass vor allem die Defense schuld am Meltdown Pittsburghs war. Dies ist allerdings unrichtig.

Ja, in Hälfte zwei waren unerklärliche Coveragefehler dabei, die ein gefühlt totes Team zurück ins Game holten. Aber auf der anderen Seite hat die Defense auch ihren Schnitt an Stops und Plays ins Spiel eingebracht, um der Offense Chancen für Punkte und den Sieg an die Hand zu geben.

Offensive Crossroads: So geht es nicht weiter

Die Offense (Ben Roethlisberger mal ausgenommen) war aber auf vielen Ebenen viel zu schwach, zu naiv und zu dumm, um daraus Kapital zu schlagen. In diese Offense haben sich Schwächen eingeschliffen, ohne deren Behebung Pittsburgh in der Season 2020/21 keinerlei Rolle spielen wird beim Kampf ums große Ganze. Klingt hart, ist aber so.

Die Unfähigkeit, den Ball zu laufen, ist abenteurlich geworden in der Steel City. Featured Back Benny Snell hatte 8 Carries für fünf Yards zu Buche stehen. Hinter einer Line, die außerstande war, Lücken für die Backs dahinter freizublocken. Die Slapstick-Plays in Short Yardage (4th and 1, 3rd and short) und in Goalline-Situationen sind einer Teamhistorie, die immer von Hard Nosed Football über den Lauf mitgeprägt war, einfach unwürdig.

Ich kann das Mantra nicht mehr hören “Uns ist’s egal, dass wir den Ball nicht laufen können, denn – haha, dafür ist unser Quick Passing Game so gut und unser Receiving-Corps so deep”. Kommt in der NFL das schlechte Wetter, musst du mit dem Ball laufen können als Offense. Ohne Wenn und Aber. Kannst du es nicht, wirst du nicht im Super Bowl sein.

Change is coming in Pittsburgh – es MUSS einfach so sein. In der Besetzung der Line sollte man etwa überlegen, mit Rookie-Guard Kevin Dotson zu begehen, um Personal aufs Feld zu bringen, das fähig ist, für den Lauf zu blocken. Klar, die Line in ihrer jetzigen Besetzung ist hervorragend im Pass Blocking für Big Ben (so ziemlich die einzige Sache, die Pittsburgh aktuell herausragend gut macht), aber dieses völlige Unterlegen-Sein im Laufspiel möchte ich so nicht mehr hinnehmen.

Passempfänger keinen Deut besser als Running Backs

Und da bin ich ja noch gar nicht bei den Drops der Passempfänger angekommen. QB Ben Roethlisberger wurde zum zweiten Mal in Folge von seinem Receiving-Corps derart sabotiert und um den Lohn seiner guten Zuspiele gebracht, dass mir die Spucke wegblieb. Ebron drei Drops, Johnson zwei und Claypool zumindest einen habe ich gezählt. Eine Fortsetzung dessen, was sich seit Wocheen abspielt.

Bei TE Eric Ebron war’s jetzt wiederholt so schlimm, dass ich als Coaching Staff überlegen würde, ihn für ein Game inactive zu stellen, um ihm eine Nachdenkpause zu gewähren. Warum nicht mal Vance McDonald featuren und Ebron außen vor lassen? Diese Drops bei Money Downs (=3rd oder 4th Down)  sind im Prinzip wie Turnover zu werten und in der Form nicht mehr hinnehmbar.

Zusammengefasst: Es wird zu viel gepasst bei Pittsburgh und die Adressaten sind zu oft nicht im Stande, wichtige Catches zu machen. Zuspiele im Short Yardage gestern auf RB Anthony McFarland (bei einem 4th Down!) und Tackle Jerald Hawkins sind im Prinzip Hilfeschreie einer Offense, die den Ball nicht laufen kann, weil ihr die nötige Power fehlt.

Pittsburghs Backs haben allesamt (Snell, McFarland, Samuels und zum Teil auch Conner) ihre Daseinsberechtigung für diese Liga 2020 in nicht ausreichendem Maße nachweisen können. Würde man sich von allen Genannten nach der Season trennen: Kein großer Qualitätsverlust wäre entstanden. Stand jetzt sehe ich Black and Gold mehr denn je mit einem sehr hohem Pick im Draft 2021 bei einem Tailback zugreifen.

FAZIT

Das nächste Spiel steigt gegen die Buffalo Bills, eine Mannschaft von ganz anderem Kaliber wie es Washington ist. Die Steelers können nur hoffen, möglichst viele der aktuell Angeschlagenen und Nicht-Spielberechtigten – Joe Haden, Steven Nelson, Robert Spillane, Maurkice Pouncey  und meinetwegen James Conner – wieder an Bord zu haben, um irgendwie bestehen zu können.

Die Pittsburgh Steelers waren unter Mike Tomlin Gott sei Dank oft ein Team, das Lows überwinden und systemische Schwäche irgendwie ausbesseren/kaschieren konnte, um doch konkurrenzfähig zu bleiben. Genau dieses Talent ist ironischerweise für diese 11-1-2020er-Steelers wieder gefragt, weil sonst zweifelsohne – auch wenn der Druck einer unsäglichen “Perfect Season” weg ist – das böse Erwachen kommen wird.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Beide Beiträge (07.12.+08.12.) von Ihnen treffen ins Schwarze! Was „wir“ schon vor Wochen angedeutet haben, ist leider gestern böse Realität geworden.

    Mir schmerzt immer noch die gestrige Niederlage. Da ich leider verhindert war das Drama live zu sehen, war ich schon (mit Blick auf den Ergebnis-Ticker) zu frustriert, meine Aufnahme überhaupt anzusehen. Free-TV hin oder her. Erst recht nach den hilflosen letzten 2-3 Minuten, die ich dann doch noch live (negativ) bestaunen durfte. Doch der innere Fan wollte einen Schuldigen finden und hat mich dazu bewegt (oder eher gezwungen), das Game -auf eine Stunde reduziert- noch in der selben Nacht zu bewerten…was einen erholsamen Schlaf nicht wirklich folgen läßt.

    Klar hat mich der bis dahin erreichte Rekord stolz gemacht. Die Hoffnung war trotz dem fehlenden Mehrwert da, Team-/NFL Geschichte zu schreiben. Es war schön nach langer Zeit wieder viele positive Medienberichte über MEIN Football-Team zu lesen oder von Kollegen/Freunden, die sich weniger mit dem Sport beschäftigen, über die tollen Leistungen der Steelers angesprochen zu werden- auch wenn ich demütig darauf geantwortet habe, weil ich ja wusste, dass nicht alles bis dahin Gold war, was glänzte. Aber wie Sie selbst erwähnten, kann man sich für Rekorde nichts kaufen. Auch ich hätte vor dieser schmerzhaften Heim-Niederlage, mit der ich eher später als bei diesem Gegner erwartet hätte, einen Super-Bowl-Triumph gegen einen möglichen Saison-Rekord lieber eingetauscht.

    Nun ist diese Seifenblasen geplatzt und der „Football-Alltag“ ist zurück. Das fehlende Laufspiel, was mir bisher Kopfschmerzen machte, hat sich zu einer Migräne entwickelt. Zu eindimensional ist unsere Offensive ohne Überraschungen oder Kreativität. Wie beschrieben, einfach naiv. Und das enttäuscht mich sehr bei den Entscheidungsträgern, die jahrelange Erfahrungen haben, dass hier nicht endlich eine sichtbare Kehrtwende eingeleitet wird. Entweder herrscht hier auch Naivität, dass diese meinen, diesen Gameplan bis zu den Playoffs und darüber hinaus, durchziehen zu können. Oder Sie planen auf der letzten Rille den Playoff-Einzug, um dann „Ihre Überraschungen“ im Laufspiel dort auszupacken und damit Ihre möglichen Gegner im Spiel zu verwirren bzw. einen erfolgreichen Schachzug / taktischen Joker auszuspielen. Wünschenswert wäre es – i hope so!!!
    Leider fehlt mir da spontan das Hintergrundwissen, ob man nicht noch einen Trade bzw. vertragslosen RB aufnehmen kann, um frisches Blut zu generieren. Schlechter könnte es dieser mögliche Spieler auch nicht tun als das aktuelle Stammpersonal. Zudem spornt Konkurrenzkampf auch an und vielleicht wacht einer der aktuellen RB‘s aus seinem Dornröschenschlaf auf und explodiert die nächsten 4-8 Spiele.

    Wieder mal bleibt mir als Fan das Prinzip Hoffnung, dass diese Watschn zum bestmöglichen Zeitpunkt gekommen ist. Gegen einen Gegner verlieren, der qualitativ 2 Stufen unter dem Steelers-Kader liegt, auch wenn im Football auch andere Qualitäten den Ausschlag geben können, sollte auch dem letzten Profisportler auf der Seele brennen und eine bessere Leistung in den nächsten Spielen hervorrufen. I hope so!!!

    1. Finde ich fein, dass wir uns in der Sache einig sind und hier so gut darüber unterhalten können – danke für dein Posting.
      Also traden können die Steelers für keinen “Quereinsteiger”, da die Tradedeadline schon hinter uns liegt. Das wäre – genauso wie die Akquise eines Free Agents – auch nicht der Steeler Way, auf den Colbert und Tomlin setzen.
      Sie werden dem Personal, das jetzt da ist, vertrauen und aufs Beste hoffen. Das Entmutigende daran ist nur, dass es den Backs an individueller Klasse für Big Plays und der O-Line an den nötigen Fertigkeiten für dominantes Run Blocking fehlt. Pouncey oder David DeCastro waren hierzu dereinst schon absolut imstande – nur spielen beide keine überragende Saison, kämpften mit verpassten Games oder spüren das doch fortschreitende Alter.
      Es ist der Punkt gekommen, an dem man eine Task Force mit Coordinator, Head Coach, QB, Line und Backs einberufen und sich schonungslos Dinge an den Kopf werfen wird müssen. Ein Low Point (und der ist im Laufspiel erreicht) ist immer auch eine Chance für weitreichende Veränderung. Jetzt darf es keine Tabus geben, alles gehört evaluiert.

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