Eine Abrechnung (mit Spuren von Rest-Objektivität)

Eine Abrechnung (mit Spuren von Rest-Objektivität)
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Eigentlich wollte ich diesen Artikel, die Analyse der Farce, schon gestern verfassen. Mir den ganzen Frust, die Wut, die nirgendwo hinkonnte, von der Seele schreiben. Ich bin aber nicht dazu gekommen, deswegen heute die Veröffentlichung.

Ich habe das Spiel in den Morgenstunden MEZ am Montag im NFL Gamepass nachgeschaut, beim Einstieg in die Datei mit ziemlicher Vorfreude ausgestattet, wie ich zugebe. Nach den ersten beiden Scores bin ich dann mit der Fast-Forward-Option immer schneller geworden.

Eigentlich habe ich nur bei 23:35 und Ballbesitz Steelers kurz eine Weile innegehalten und mir Spielzüge in Real Time angeschaut. Weil mich die zarte Hoffnung beschlichen hatte, dass das Momentum drehen könnte. Ein weiterer langer TD der Gäste zum 23:42 hat diese Zwischenphase aber jäh beendet und mich zum Durchhetzen via Fast-Forward-Button zurückgeführt: Zum Selbstschutz werde ich mich einer solchen Grausamkeit niemals länger aussetzen als irgendwie nötig. Das schaffe ich als Fan, der emotional tief in der Sache drinnen ist, einfach nicht.

Der Wunsch nach Abstand

Ich kann nicht sagen, wie die Analysen der Experten und Interviews der Steelers-Kaderspieler und
-trainer nach dem Match verlaufen sind, ich habe ihnen schlicht entsagt. Ich brauchte und brauche für mich Zeit, um damit umzugehen. Damit umgehen, wie jämmerlich die Leistung des Favoriten in diesem ach so entscheidenden Spiel war. Ich weiß nicht, ob und wie ich das Feuer finde, die Divisional Round ab Samstag zu verfolgen; lasse ich alles mal auf mich zukommen.

Die Steelers haben teils freche und selbstbewusste Signale ausgesendet vor diesem Browns-Spiel, wohl auch daraus genährt, wie gut (mit 1B-Spielermaterial) der Auftritt in Week 17 in Cleveland doch verlaufen war. Tja, zwischen Trash Talk und auf dem Feld eine seriöse Leistung abliefern liegen halt doch noch Welten.

Ich habe vor, mich Steelers-technisch mit einem Artikel über Forderungen, was für die nächste Season zu geschehen hat, damit sich eine solche Blamage wie jetzt nicht in der Form wiederholen kann, in die Offseason zu verabschieden. Aber der richtige Zeitpunkt dafür, weil ich für so etwas auch einen klaren Blick und weniger glühende Enttäuschung in mir brauche, ist noch nicht gekommen.

Erkennt, dass ihr es versaut habt!

Und ich möchte nicht – das streiche ich relativ regelmäßig heraus, kommt mir gerade – den Eindruck vermitteln, dass ein Steelers-Team in einer Wildcard Round kein Spiel verlieren und seine Season beenden kann, ohne dass ich mich komplett verliere. Auch gegen Cleveland kann man mal verlieren meinetwegen. Die Frage bei der Akzeptanz eines Fans für eine Niederlage im ersten Playoff-Spiel liegt immer im Wie. Wie eine Pleite vonstattengeht.

„Die Browns haben’s gut gemacht“, wäre mir schon zu wohlwollend zu weit gegriffen. So habe ich den Meltdown bis hin zum 0:28 im ersten Quarter, der ja für dieses alles andere als perfekte Steelers-Team schon der K.o.-Schlag war, nicht empfunden.

Die Browns waren einfach nicht so dämlich, aus Geschenken eines Teams, das ein mentaler Kollaps überkommen ist, nicht Profit zu schlagen. Aber ganz ehrlich: Aus einem Snap, der über den Quarterback hinwegfliegt und für einen Score recovert werden kann, aus einer Laufverteidigung, die bei gewissen Snaps keine Gegenwehr geleistet hat, aus Würfen des Quarterbacks genau auf Defensive Backs, aus ausrutschenden Receivern, die dann nicht imstande waren, Pässe zu fangen – da würde ich auch erwarten, dass die Jets, Jaguars oder Lions Kapital schlagen und gewinnen.

Die richtigen Leute haben die richtigen Schlüsse zu ziehen

Die krachende Niederlage ist nicht den Browns geschuldet, die die Steelers irgendwie overwhelmt oder an die Wand gedrängt oder ihren Playmakern keine Räume gegeben hätten. Sie ist dem Umstand geschuldet, dass Black and Gold brutal scheiße – eigentlich unwürdig scheiße für ein professionelles Team in dieser besten Liga der Welt – Football gespielt hat. Das und genau das müssen sich die Steelers-Spieler (die, die nächstes Jahr noch da sein werden) vor Augen halten und als Motivations-Elixier für die harten, langen Stunden im Kraftraum in der Offseason nutzen, soweit dies geht.

Wenn ich lese, wie Herr WR Chase Claypool den Browns jetzt ausrichten lässt, wie derb sie denn in Kansas City in der nächsten Runde nicht vernichtet werden, macht mich das wütend. Obwohl er in der Sache wohl recht hat und ich seine Meinung durchaus teile.

Aber mit „wissen, dass es nicht die Browns waren, die das Spiel gewonnen haben, sondern die Steelers, die es verloren haben“ meine ich – und fordere, im Sinne dessen, wie diese Franchise tickt, ein -, dass die Steelers-Akteure jetzt einfach mal still sein und mit schonungsloser, eiserner Selbstkritik anfangen sollten. Meinetwegen im engsten, internen Rahmen, aber zu geschehen hat diese tabulose Selbstanalyse.

Nur mit ihr kann es nach einem solchen Spiel starten und in der Folge weitergehen.

Würde ich jetzt im Detail abhandeln, was in der Wildcard Round alles elendig war, ich würde noch x Seiten vollschreiben. Dafür fehlt mir die Präzision im Kopf, ich werde das im Ausblicks-Artikel auf die Offseason unterbringen.

Mir ging es jetzt mal darum, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. In dem Wissen, dass es für diese Season, so gering die Chancen auf einen Super-Bowl-Run bei all den Schwächen der Steelers auch waren, endgültig vorbei ist.

Mögen Entscheider in der Steelers-Organisation erkennen, dass jetzt alles auf den Prüfstand zu stellen ist.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Hallo und wieder mal Respekt dafür nach so einem Resultat die Muse zu haben, einen Artikel zu schreiben.
    Dieses Mal sind wir mal nicht konform…wait, nur in der ersten Textpassage. Denn wenn ich ehrlich bin, war ich beim Blick auf das Scoreboard um 6 Uhr morgens nicht wütend, sondern dermaßen niedergeschlagen und sprachlos, auch von mir selbst. Habe ich mir doch als Fan von zwei Mannschaften (Steelers, VfB Stuttgart) schon eine ganze Weile vorgenommen, mir diese schmerzenden Niederlagen nicht mehr ans Herz gehen zu lassen- da für die Gesundheit und Lebensqualität nicht gut!! Somit auch viele „TV-Live-Events“ sein lassen und es lieber als Aufnahme zu Gemüte geführt (auch mal bei Niederlagen). Hierbei ein Touché: ich habe mir dieses Wildcard-Debakel auch nur im highspeed-Verfahren angetan, um die wenigen positiven Lichtblicke aufzusaugen, aber viel mehr ein paar fachliche Kommentare über das „wie & warum“ einzufangen (auch wenn es nur die Deutschen waren).
    Bei diesen negativen Zahlen bin ich wohl in ein altes Raster zurückgefallen, denn der Montag war damit gegessen, bitter und die Laune dahin.
    Ich habe mit vielen gerechnet, aber zu Hause (auch wenn keine offiziellen Zuschauer), mit Rückenwind (Divisionssieger, kein schlechtes 2.Garde-Spiel) und quasi in aktueller Bestbesetzung so auf die Fresse zu bekommen…in einem Playoff-Spiel, für das man 5 Monate hingeackert hat (auch als Fan), ist unerklärlich.
    Eigentlich hat sich meiner Meinung nach dadurch gezeigt, dass die Auszeit für ein paar Spieler doch nicht so gut war im Hinblick auf die Fehlerquote in den ersten 13 Minuten des Spiels. Gesundheit hin oder her, irgendwie war das wie ein erster ernsthafter Test nach der Vorbereitungsphase zu einer neuen Saison.
    Auch bin ich der gleichen Meinung, und das störte mich bereits im letzten Spiel schon als die Browns sich abgefeiert haben, weil sie gegen eine 1b-Mannschaft mit 2 Punkten Unterschied gewonnen haben, dass es nicht eine überragende Cleveland-Leistung sondern eine unaufmerksame, überhastete und unprofessionelle Steelers-Mannschaft war, die die ersten 28 Punkte ermöglichten.
    Klar haben die Browns gute Offense-Spieler insbesondere die RB‘s. Aber jetzt Mayfield zu adeln?! Er war fehlerlos- mehr gibt es hier nicht zu sagen. Auch wenn Big Ben einen großen Beitrag zur Niederlage geleistet hat, war er für mich immer noch der bessere QB. Alleine die Tatsache, dass er 47 Pässe (NFL-Rekord) von fast 70 Versuchen an den Mann brachte, zollt mir -klar, auch weil Fan- Respekt. Der Mann hat sich nach den ersten 2-3 Nackenhieben die Seele aus dem Leib geworfen, um das Ruder rumzureißen. Die erspielten 501Yards dabei (2nd Rekord hinter Brady‘s 50X Yards) zeigen das übrige, und trotzdem leider auch eine Niederlage. Und wer zum Passen verdammt ist, weil bei fataler Fehleinschätzung der Verantwortlichen das Laufspiel diese Saison eigentlich nie vorhanden war, kann zum Deppen werden, weil das INT-Risiko einfach zu hoch ist. Klar, auch mich hat BigBen seit Lebzeiten schon graue Haare gekostet, bei seiner riskanten Spielweise (ob das er alleine zu verantworten hat oder auch der Gameplan bzw. die Coaches mit einem Bein darin stecken, entzieht sich meiner Kenntnis), möchte ich ihn in diesem Spiel nicht als Sündenbock hinstellen. Er hat unter diesen miserablen Voraussetzungen alles versucht nochmal eine Kehrtwende einzuleiten.
    Ich hoffe, dass er seinen Vertrag erfüllen wird. Denn nun zum zweiten Mal (nach der 4-Killer-B’s-Aera) wurde erbärmlich versäumt eine gute Ausgangssituation (Spielermaterial +Divisionssieger) erfolgreich zu gestalten.
    Der Umbruch wird kommen, aber dieser wird den gewohnten Erfolg ziemlich schmälern. Daran möchte ich erst Recht nicht denken!!
    Die Saison ist vorbei und es fällt schwer, den tollen Hype und den tiefen Fall zu vergessen. Über 7 nervige Monate muss nun gewartet werden, um auch spielerisch die Revanche für die Prügel erleben zu dürfen. Wird hart!
    Abschließend Danke für die saisonübergreifende Berichterstattung, die Sie bereitgestellt haben. Bitte weiter so!

    1. Da kommt mir Ben ein bisschen zu gut weg, wobei natürlich festzuhalten ist, dass er hauptverantwortlich dafür ist, dass die Steelers überhaupt so lange eine gewisse Relevanz in dieser Season hatten. Er und gute Auftritte der Defense haben Siege gebracht. Gegen Cleveland jetzt war er aber zu Beginn erschütternd schlecht – auf einer Position, wo du dir 3, 4 so drastische Fehler eben nicht leisten kannst. Das hat das Spiel vorentschieden. DIe Garbage Yards danach im Aufholmodus: ein bisschen geschenkt. Denn die waren für mich ein Muster ohne viel Wert.

      Das Laufspiel wollten die Steelers gegen CLE im Short Yardage eh 2x über Derek Watt forcieren, geklappt hat es nur einmal (und das mit Glück), das andere war ein Stopp on 4th Down, soweit ich mich erinnere. Gebe dir aber recht, das schreibst du unten, dass man vom hochpreisigen Fullback Watt (auch wegen Verletzungen) ganz wenig Gutes gesehen hat diese Season – und das auch für Derek selbst irrsinnig enttäuschend gewesen sein muss. Mal schauen, ob er überhaupt zurückkommen darf für 2021/22.

  2. Noch ein kleiner Nachtrag, der mir dann gestern irgendwann entfallen ist: Wozu haben wir eigentlich noch einen Fullback im Kader? Gerade bei 4&1 oder geringfügig mehr, kann man doch oldschool-mäßige Laufspielzüge a la 90iger Jahre ausüben/einstudieren, um diese Yards mit einem bulligen Vorblocker zu überbrücken. Muss aber gestehen, dass ich den Leistungsstand des FB Watt nicht wirklich verfolgt habe. Aber in Zeiten von Bettis und Co. war oft auch ein FB am Start!

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