Die Akte Tomlin

Die Akte Tomlin
Copyright Brook-Ward

Pünktlich zum Start des diesjährigen Trainingcamps in Latrobe haben die Steelers Mike Tomlin mit einer Vertragsverlängerung ausgestattet. Der langjährige Head Coach ist damit bis durch die Saison 2021, also bis ins Jahr 2022, gebunden.

Tomlin ist 2007 als Cheftrainer zu den Steelers gestoßen und hat zweifelsohne einige Erfolge als solcher vorzuweisen, so auch einen Super-Bowl-Triumph im Jahr 2009. Dennoch ist meine Sicht auf ihn vor allem in den letzten paar Seasons von “gemäßigt positiv gesinnt” auf “ambivalent” umgeswitcht. Ende der letzten Regular Season war ich an einem Punkt, wo ich mir, wie viele Steelers-Fans, die das geäußert haben, einen Trainerwechsel vorstellen hätte können – also die Ablöse Tomlins.

Die Außendarstellung einer Franchise und das Maß, wie sie ihre formulierten Ziele erreicht, sind in großen Teilen (neben der Leistung von General Manager und Ownership) dem Head Coach zuzurechnen. Coach Tomlin hat sich auf dieser Ebene angreifbar gemacht, weil er aus dem Talent, das er am Roster hat(te), zu oft dann doch zu wenig herausgeholt hat – und Steelers-Seasons jäh geendet haben.

Zwei Spielzeiten mit bitterem Ende

Vor allem die Playoff-Niederlage gegen die Jaguars zuhause im Jänner 2018 war ein Stunner in negativer Hinsicht, dazu das verjuxte Playoff-Ticket in der Saison darauf, als man im Jänner 2019 plötzlich mit leeren Händen dastand. Das war der Output der letzten zwei Saisonen, das war für Steelers-Fans enttäuschend – und dem muss man sich stellen.

Dazu kam jahrelang Drama, Drama, Drama. Ich will auf die Eskapaden von Brown, Bell, Bryant und Co. gar nicht so genau eingehen, weil’s a) nervt und b) der Head Coach da nur zum Teil verantwortlich ist. Aber letztendlich gibt er schon die Richtung vor, was in seinem Locker Room zu geschehen hat und was nicht. Tomlin hat, um sie nicht zu vergrämen, zu stark weggeschaut bei den Unarten von Antonio Brown oder Le’Veon Bell, ihnen zu viel durchgehen lassen, was der Stimmung im restlichen Team sicher nicht zuträglich war. Und dann underperformt ein Team eben, das viel mehr drauf gehabt hätte.

Auch die erfolgreiche Seite beleuchten

Zugegeben: Es war bis hierhin ein relativ kritischer Blick auf Mike Tomlin, der ihm nicht vollauf gerecht wird und auch unfair wäre. Die Steelers nämlich – und das Ownership steht traditionell für Besonnenheit – tun gut daran, sich zu vergegenwärtigen, dass man einen Head Coach engagiert, der in der Regular Season noch nie einen Losing Record vorzuweisen hatte. Steelers-Fans schielen jede Season auf einen tiefen Playoff-Run – alles (klar) darunter ist schon eine massive Enttäuschung. Gut die Hälfte aller NFL-Teams würden sich aber alle zehn Finger abschlecken, hätte man einen Verantwortlichen an der Sideline, der in 12 Spielzeiten nie unter .500 gerasselt ist.

Was mir an Tomlin immer imponiert hat, war seine “No nonsense and no excuse“-Attitude. Ich hab von ihm wirklich viele Pressekonferenzen gesehen – vor, nach und während einer Season –, aber nie war der Tenor “Verletzungen waren schuld oder alles ist gegen uns gelaufen“. Tomlin gibt dem Gegner Credit, wenn der besser war und gewonnen hat. Und er propagiert, anstatt Verletzungen von Schlüsselspielern nachzutrauern, eine “Next man up“-Policy. Genau dieser Stil gibt diesen “nächsten Männern”, die auf ihre Chance warten, Vertrauen und lässt diese performen.

Patriots als Problem-Gegner

Tomlin hat sich in der Vergangenheit bisweilen auscoachen lassen, vor allem gegen die Patriots und von Bill Belichick. Auch das gilt es tunlichst abzustellen. Mit Schaudern erinnere ich mich an das AFC Championship Game im Jänner 2017 zurück, als die ganze Woche drüber philosophiert wurde, wie man Bradys Pässe auf Edelman und die Checkdowns auf seine Running Backs verhindern kann. Eingeschenkt bekommen hat man 180 Yards und zwei Touchdowns von freaking Chris Hogan.

Tomlin hat im Staff zwar den hervorragenden O-Line-Coach Mike Munchak an Denver verloren, konserviert er aber die Ruhe, die endlich rund ums Team eingekehrt zu sein scheint, könnten die Steelers aus einer etwas anderen Rolle als zuletzt heraus erfolgreich sein. Mein Gefühl ist jedenfalls nicht schlecht.

photo credit: Brook-Ward <a href=”http://www.flickr.com/photos/57915000@N02/31170181827″>Mike Tomlin</a> via <a href=”http://photopin.com”>photopin</a> <a href=”https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/”>(license)</a>

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