Ein betrübter Blick voraus

Ein betrübter Blick voraus
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Ehrlich gesagt: Ich habe noch nie, seit meine American-Football-Leidenschaft voll durchgeschlagen hat dereinst, so wenig Vorfreude auf eine neue NFL-Season bei mir gespürt wie für diese.

Noch vor wenigen Jahren habe ich Ende Juli Fantasy-Football-Wunschlisten zusammengeschrieben und mir notiert gehabt, wann ich die erste Folge von „Hard Knocks“ keineswegs werde versäumen dürfen.

Heuer ist alles anders. Aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, ist Corona nur ein Teil der Begründung dafür. Mindestens genauso schwer wiegt, dass mir die Bewunderung für den Zauber und das Wesen der USA abhandengekommen ist.

Ich wähne das Land tief zerrüttet, Brandbeschleuniger ist ein von zwei spinnefeinden Lagern geführter Präsidentschaftswahlkampf, der die Gräben in der US-amerikanischen Gesellschaft noch weiter vertieft. Corona tut sein Übriges dazu und steigert irrationale Wut, Sorgen und Existenzängste bei vielen wohl zusätzlich.

Politik und Sport

An der Stelle muss ich auch selbst die Bremsen reinhauen und mich dazu verdonnern, mit einer Maxime nicht zu brechen, die ich für diesen Blog ausgegeben habe: Politik ist rauszuhalten.

Und genau hier wird die NFL ein Problem bekommen.

Meine durchaus ambivalenten Gedanken zu „Black lives matter“ oder der Situation der Polizei in Amerika können in diesem Format keinen Platz haben.

Die National Football League lässt jedoch durchscheinen, dass sie es, entgegen der Situation um Colin Kaepernick vor ein paar Jahren, diesmal durchaus zulassen wird, wenn politische Botschaften während der Saison an den Seitenlinien Einzug halten werden.

Schreitet die Spaltung voran?

Für mich ist dies das falsche Signal – denn was passiert? Einige, die die Kampagnen unterstützen, die sie da im TV durch NFL-Stars vertreten sehen, werden sich bestärkt und moralisch überlegen fühlen in ihren Ansichten.

Die, die daran was auszusetzen haben, sei es wegen „Disrespect“ der Hymne/Flagge gegenüber oder aufgrund von sonst irgendwas, werden sich der Sportart wohl in größerer Zahl entziehen.

Dass es bislang – und früher aus Überzeugung – so gehandhabt wurde, dass Politik im Sport außen vor zu sein hat, war meinem Empfinden nach Kitt für die Gesellschaft.

Eine Gesellschaft wird nie perfekt – nicht einmal fair – sein. Aber das Agreement, nebeneinander (das gilt für die buntgemischten Zuschauerschichten genauso wie für einen NFL-Roster) ohne Politik ein Sportereignis zu verfolgen/bestreiten, war etwas Gutes.

Die Aussicht, wie es werden wird

Das Geschilderte ist für mich ein wesentlicher Punkt, der mir schwer im Magen liegt. Corona tut das auch, aber nur bedingt.

Ich habe etwa den NFL-Draft gerne und mit großem Interesse verfolgt und habe mich auch bei der TV-Rückkehr von „König Fußball“ dann doch intensiv mit den Spielen mehrerer Ligen auseinandergesetzt.

Dass es nun eine Football-Season wird, die definitiv krass anders als sonst sein dürfte, wird jedem unvermindert klar sein.

Ohne Politik im Sport, ohne vergiftete Stimmung in den sozialen Netzwerken, wo Fans sich befeinden, die sich sonst zusammen auf eine neue Spielzeit freuen würden, wäre mir aber leichter.

Vielleicht male ich zu schwarz, vielleicht renkt sich alles doch irgendwie ein. Aber mein Grundgefühl für die erfüllende NFL-Season 2020/21 ist aktuell steigerungsfähig.

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